Weil es okay ist, nicht okay zu sein – Interview mit Musiker Patrick Höll

veröffentlicht am 22.10.2019

Das Thema seelische Gesundheit geht uns alle etwas an – und doch sind wir so sensibel, wenn es darum geht, es in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Mit Begriffen wie „Mental Health Awareness“ wird bereits für eine Bewusstmachung und einen konstruktiven Umgang mit persönlichen Themen geworben. Da seelische Gesundheit auch für die Arbeit der Nightlines ein großes Anliegen ist, möchten wir sie an dieser Stelle genauer betrachten, und zwar aus einem besonderen Blickwinkel: aus der Perspektive, die uns die Kunst eröffnen kann. Dazu haben wir ein Interview mit Singer-Songwriter Patrick Höll geführt, der sich genau mit dieser Perspektive beschäftigt. Patrick ist 23 Jahre alt, wohnt in Karlsruhe und schreibt bereits seit acht Jahren Lieder. Seit etwa drei Jahren konzentriert er sich dabei verstärkt auf das Schreiben von Songtexten, die sich mit seelischer Gesundheit und psychischen Problemen befassen. Was hinter seiner Musik steckt und welche Chancen sie bieten kann, hat er uns in diesem Interview erzählt.


Patrick, Deine Texte beschäftigen sich allgemein mit dem Thema Awareness. Wie muss man sich das vorstellen?

Meine Texte befassen sich hauptsächlich mit Themen wie Depression, Hürden im Alltag, Selbstzweifel, und so weiter. Man könnte sagen, sie setzen sich mit der Frage auseinander: Wie schafft man es, zu überleben, zu lieben, kreativ zu sein mit einer Depression im Kopf?
Für mein Bühnenprogramm haben diese Themen natürlich eine grundlegende Bedeutung. Wir haben in der Regel kein differenziertes Bild von den Menschen, die wir um uns herum haben, und erst recht nicht von den Menschen, die wir auf der Bühne sehen. Für mich ist es auf der Bühne ein Ziel, ein persönliches und echtes Bild zu erzeugen. Natürlich neigt man als Musiker erst einmal dazu, auf der Bühne die guten Seiten zu zeigen. Ein bekanntes Phänomen ist in diesem Kontext auch, dass die Position des Künstlers oft verherrlicht und nicht kritisch hinterfragt wird. Ich finde, davon sollte man abkommen. Jeder hat seine Geschichte und Talente, die er mit der Welt teilen kann. Die Offenheit, auch problematische Themen miteinzubeziehen, muss man sich als Künstler aber erst einmal antrainieren. Man muss es schaffen, sich die Gewissheit aufzubauen: Es ist okay, nicht okay zu sein. Es ist okay, Schwäche zu zeigen – und zwar im Alltag genauso wie auf der Bühne. Bei meinen Auftritten fühlt sich der Abend im Grunde so an wie ein Gespräch mit einem guten Freund. Gleichzeitig begebe ich mich hinunter zu mir selbst. Bei meinem Bühnenprogramm gebe ich quasi einen Einblick in meinen Kopf. Ich möchte musikalisch, humoristisch und ehrlich auf der Bühne auftreten, um Menschen aus der Seele zu sprechen und sie weiter zum Nachdenken zu bewegen.


Wie bist du dazu gekommen, diese Art von Musik zu machen?

Wie es leider so oft der Fall ist bei den Menschen, denen das Thema besonders wichtig ist, bin ich selbst betroffen. Ich habe mich Anfang des Jahres nach einer schweren depressiven Phase in eine therapeutische Klinik eingewiesen und wurde dort mit chronischer Depression diagnostiziert. Seither bin ich auch in wöchentlicher Therapie. Aber schon davor lag mir das Thema sehr am Herzen, da beispielsweise auch einige Personen in meinem Freundeskreis von Problemen in dieser Hinsicht
betroffen waren und sind. Und schließlich geht das Thema uns alle etwas an.
Die Musik, die ich mache, ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Als ich mich nach Jahren des künstlerischen Wirkens in verschiedenen Bereichen an das Schreiben von Liedern machte, behandelte ich darin zunächst eher banale Themen.
Wie wahrscheinlich jeder Künstler habe ich natürlich auch Vorbilder, deren Arbeit ich bewundere. Das Aufsehen zu diesen Vorbildern hat allerdings zunächst bewirkt, dass ich einen hohen Anspruch an mein eigenes Bühnenprogramm hatte, wodurch sich schnell Gefühle wie Druck und Frustration einschlichen. Dann ging ich Ende 2016 durch meine erste große depressive Phase. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich zuvor in meinem Schaffen nicht mich selbst ausgedrückt hatte. Also habe ich angefangen, mich in der Musik zu öffnen. Das erste Lied zum Thema Awareness habe ich nach meiner ersten Therapiesitzung geschrieben. Ich wusste: bis zur nächsten Therapiesitzung würde es noch vier Wochen dauern. Was würde in der Zwischenzeit passieren? Das Schreiben des Songs hat mir Hoffnung gemacht.
In der darauffolgenden Zeit habe ich dann oft direkt aus einem Leiden heraus geschrieben. Mittlerweile kann ich mich aber auch aktiv an einen Text setzen. Mir ist heute außerdem bewusst, dass meine Vorbilder viel dafür gearbeitet haben, um zu ihrem jetzigen Level zu gelangen. Sie haben nicht etwa aus einer Leichtigkeit heraus gearbeitet. Das ist eine wichtige Erkenntnis bei allem, was wir tun. Es geht nicht darum, ständig motiviert sein, sondern darum, trotzdem motiviert zu sein.

Welche Bedeutung hat deiner Meinung nach das Thema Awareness in unserer Gesellschaft?

Wenn es um den Zustand der Gesellschaft geht, ist es natürlich einfach zu sagen, wie es sein sollte. Ich habe aber das Gefühl, dass wir von einem wünschenswerten Zustand noch weit entfernt sind. Mir kommt es oftmals so vor, als würde in unserer Gesellschaft der Kopf nicht als normales Organ des Körpers gesehen. Wenn jemand einen gebrochenen Arm hat, geht er zum Arzt. Wenn jemand Magenprobleme hat, geht er zum Arzt. Das scheint uns völlig normal. Wenn aber jemand Probleme mit der Psyche hat, dann heißt es sofort: Möchtest du darüber reden?
Unsere Psyche ist sehr eng mit unserem Charakter verknüpft und daher ein sehr persönliches und sensibles Thema. Aber unser Kopf hat eine Behandlung verdient wie jeder andere Teil unseres Körpers auch. Es wäre schön, wenn seelische Krankheiten in der Allgemeinheit tatsächlich als solche anerkannt wären. Meiner Meinung nach würde es helfen, das ganze Thema zu entpersonalisieren und gleichzeitig die Persönlichkeit der kranken Menschen mehr in den Vordergrund zu stellen. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass mental erkrankte Personen sich anderen gegenüber verletzend verhalten. Wenn jedoch klarer ist, welche Verhaltensweisen krankheitsbedingte Symptome sind, kann sich wieder mehr auf den charakterlichen Kern des Erkrankten fokussiert werden. Zudem wird der Schaden, den die Krankheit auslöst auf interpersoneller Ebene verringert, wenn alle ein differenziertes Bild von ihr haben. Im Moment geht es mehr um die Interpretation von Problemen und das Einordnen erkrankter Menschen in einen bestimmten Kasten innerhalb der Gesellschaft. Stattdessen sollte es aber viel eher um die Person selbst gehen. Durch mehr Akzeptanz seelischer Krankheiten könnten wir viel leichter Raum für Individualität schaffen.
In einer Leistungsgesellschaft ist das natürlich nicht so einfach. Es wird in unserer Gesellschaft vor allem auf kurzfristige und oberflächliche Erfolge hingearbeitet. In einigen Firmen beispielsweise wurde dieses Problem schon erkannt und es wird sich aufgrund von Phänomenen wie Burnout deutlich mehr mit dem Thema Awareness auseinandergesetzt. Dennoch befinden wir uns noch ganz am Anfang. Die Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu treten, ist enorm wichtig. Ich finde, man sollte diese bereits in der Schule erlernen können. Dass die Arbeit an uns selbst der erste Schritt ist, wird uns momentan kaum beigebracht. Viele Leute behalten ihre gewohnten Denkweisen und Verhaltensmuster bei, obwohl es ihnen möglicherweise viel besser tun würde, einen anderen Weg einzuschlagen. Das hat unter anderem auch mit den Werten und dem Wissen zu tun, das in unserer Gesellschaft vermittelt wird.

Welche Rolle kann Musik bzw. Kunst beim Thema Awareness spielen?

Erst einmal führt die Beschäftigung des Künstlers mit dem Thema natürlich bereits zu einer intensiven Bewusstmachung. Man gewinnt dadurch in jedem Fall neue Erkenntnisse und lernt, in Worte zu fassen, worüber man davor vielleicht nicht einmal eine klare Vorstellung hatte. Deshalb hat die Thematisierung der Psyche schon allein einen riesigen Nutzen für den Künstler selbst. Mir wurde zugleich immer mehr bewusst, wie wenig wir über dieses Thema aufgeklärt sind und wie wichtig es wäre, es mehr in das gesellschaftliche Grundwissen zu inkorporieren.
Kunst ist ein Medium, das unsere Sicht auf die Welt mitprägt. Ich würde zum Beispiel sagen, dass meine politische Meinung maßgeblich von der Band Die Ärzte geprägt wurde (lacht). Kunst bietet generell die Chance, Menschen aus der Seele zu sprechen und Bedeutendes ins Gedächtnis zu rufen. Auf der Bühne darf und sollte deshalb gerade über menschliche Themen mehr geredet werden. Im englischamerikanischen Bereich findet solch ein Schwerpunkt bereits immer mehr Einzug in die Musik, zum Beispiel mit Künstlern wie dodie oder AJR. In der deutschen Szene wird das Thema leider noch immer eher stiefmütterlich behandelt. Aber ich finde, wir haben es verdient, dass sich auch unsere Popkultur mit den unschönen Seiten des Lebens auseinandersetzt.

Welche Botschaft würdest du den Menschen durch deine Musik gerne
mitgeben?

Versuche, jeden kleinen Schritt von dir anzuerkennen. Die hohen Erwartungen, die man an sich selbst hat, sind oft eine große Blockade. Ich finde, wir sollten lernen, jeden noch so kleinen Schritt mit der Wertschätzung zu behandeln, die er verdient hat.


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