Wie alles begann: ein Interview mit den Nightline-Gründern

veröffentlicht am 08.05.2013

Am 10.5.13 wird die Nightline Konstanz e.V. 2 Jahre alt. Zu diesem Anlass haben wir uns mit drei der insgesamt sieben Gründungsmitglieder des Vereins getroffen und ihnen ein paar Fragen zur Anfangsphase der Nightline in Konstanz gestellt.

* Da eine der drei Befragten noch aktive Nightlinerin ist, haben wir ihren Namen geändert.

Schön, dass ihr euch für uns etwas Zeit nehmen konntet! Der zweite Geburtstag der Nightline rückt näher. Doch wie kam es damals überhaupt zur Gründungsidee?
Tobias: „Ja… (lacht) wie war das? (Überlegt einen Moment) Ich glaub, ich wollte schon ganz zu Beginn des Studiums unbedingt etwas Praktisches machen, weil ich schon geahnt habe, dass das Studium ziemlich theoretisch werden würde. Irgendwie habe ich dann auf den Homepages anderer Unis etwas von dieser Nightline gelesen. Weil ich dann leider zusätzlich zum Studium noch Geld verdienen musste, lag das Projekt bis zum Ende meines Bachelors auf Eis. Dann hab ich wieder recherchiert, mir das Konzept mal angeschaut und dachte mir‚ cool, damit kannst du anderen helfen, kannst was ins Leben rufen, kannst Studierenden die Möglichkeit bieten, eine coole Sache zu machen, Erfahrungen zu sammeln. Das war aber noch ziemlich ungeplant. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich dich dann rekrutiert habe (zu Jochen).“
Jochen: „Das weiß ich noch ziemlich bildlich. Das war vorne an der Treppe runter zur alten Bib, wo du mir gesagt hast: ‚Hey Jochen, ich hab mal ´ne kurze Frage: Hast du Bock mit mir ´ne Nightline zu gründen?‘ (alle lachen) Da habe ich nur kurz überlegt… Gut, ich hab dieses Semester nicht so viel zu tun, ja klar, lass´ machen. Aber erzähl´ mir bei Gelegenheit mal, was das überhaupt ist.‘“
Tobias: „Und Julia*…“
Julia: „Ja, da erinner ich mich noch dran. Und zwar waren wir in der Spiegelhalle und saßen draußen an den Tischen. Da hast du mich darauf angesprochen und ich hab auch gesagt ja, da bin ich dabei. Das war auch relativ spontan. Oh, erinnert ihr euch noch, dass der Sammy über unser Gründungsprotokoll gelaufen ist, als wir es im Foyer unterschrieben haben?“
(Anmerkung: Sammy ist der kürzlich verstorbene Konstanzer Unikater)

Sammy hat also euer Gründungsprotokoll geweiht. Wie sah der Verein denn ganz am Anfang aus?
Jochen: „Erstmal war es ein ganz großes Chaos, weil wir schon Lust hatten, einen Verein zu gründen, aber keine Ahnung hatten, was es heißt, einen Verein zu haben. Hochschulgruppen oder -clubs sind relativ lockere Verbünde, aber bei einem Verein ist da ein ganzer Rattenschwanz an Bürokratie mit dabei.“
Tobias: „Wir hatten gefühlt unendlich viele Treffen für die Satzung. Es wurden immer wieder Vorschläge ausgearbeitet, die man dann in der Gruppe abstimmen musste, was natürlich nie einfach so funktioniert. Es war zwischendurch schon ziemlich anstrengend.“
Jochen: „Dann mussten wir auch wirklich überlegen, wer Vorstand ist und welche Struktur wir haben möchten. Und die Teams: wer welches Team übernimmt beziehungsweise wer was macht.“
Tobias: „Und dann haben wir nach und nach mehr Leute ins Boot geholt. Immer so ein bisschen unter der Hand gefragt… Das war dann auch erstmal eine reine Psychologen-Veranstaltung, zumindest fast.“

Am Anfang war es also doch noch ziemlich chaotisch. Was hat sich denn im Laufe der Zeit verändert?
Tobias: „Je mehr Mitglieder wir hatten, umso besser konnten wir Dinge voneinander abgrenzen, wie zum Beispiel die Teams. Dann haben wir auch ziemlich Gas gegeben. Nach einem halben Jahr war dann eigentlich schon Start.“

Ihr habt im Oktober angefangen mit der Vereinsgründung und am 10.5. wurde das erste Mal telefoniert.
Tobias: „Ja, da war dann auch noch so unglaublich viel zu tun. Konten mussten eröffnet werden, es musste die Vertretungsberechtigung geklärt werden. Es mussten die Räumlichkeiten gefunden werden und Sponsoren. Wir mussten gucken, wie wir an Geld kommen, wer uns finanziert, was ein Finanzierungskonzept ist, das auch langfristig tragbar ist. Und die Organisation der Schulung!“
Jochen: „Flyer, Poster, Aufkleber, Kommunikationsrichtlinien, interne Regelungen wie Anonymität.“

Wow, da habt ihr ziemlich viel auf einmal gemacht! Hattet ihr noch Unterstützung von anderen Nightlines? Was habt ihr so von denen gelernt und übernommen?
Jochen: „ Andere Nightlines haben uns erstmal mit Materialien bombardiert, was auch ganz gut war. So mussten wir nicht das Rad neu erfinden, sondern konnten uns anschauen, was die schon gemacht haben. Gerade in der Öffentlichkeitsarbeit kamen Impulse und Ideen von außerhalb, die uns geholfen haben. Andererseits lieferte man uns aber auch die Hardware, also Plakate oder das Logo.“
Tobias: „Das ging eigentlich schon bei der Gründung los, dass man ein paar Satzungen bekommen hatte. Das kam vor allem von der Nightline Stiftung, mit der ich von Anfang an in Kontakt war. Die haben uns auch ein Starterkit zur Verfügung gestellt, das war ziemlich cool. Da standen wirklich alle möglichen Schritte drin zur Vereinsgründung, zur Öffentlichkeitsarbeit usw. Das war ein Sammelsurium an Erfahrungen und Ideen, die sie so hatten, das war total hilfreich. Ganz konkret war es aber dann die Nightline Freiburg, die uns dann auch für die erste Schulung Personal zur Verfügung gestellt hat.“

Ihr habt jetzt ja nochmal die Möglichkeit gehabt, alles loszuwerden an was ihr euch noch erinnert. Wenn ihr jetzt so zurückschaut an die Zeit vor 2 bis 2,5 Jahren, wie bewertet ihr die Gründungsphase im Nachhinein?
Jochen: „Es war stressig, aber auch irgendwie belohnend. Es ist ja nicht so als dass man an der Uni ein leichtes Leben hätte. Oft legt man einen sehr großen Aufwand hin und fragt sich hinterher, wofür der ganze Quatsch überhaupt war. Bei der Nightline war es sehr viel Arbeit und sehr viel Stress, aber im Nachhinein steht was da. Man weiß, wofür man es getan hat. Man kann sich auch ein bisschen auf die Schulter klopfen, wenn da was ist, das funktioniert, das läuft (Tobias und Jochen klopfen sich gegenseitig und Julia auf die Schulter).“
Tobias: „Ich habe unglaublich viel gelernt. Ich hatte sehr viele Konflikte, dadurch auch viel Stress, aber es war produktiv. Ich hab mich persönlich weiterentwickelt durch die Nightline. Es ist ein Gemeinschaftsding, bei dem man nicht immer nur seine Sachen durchdrücken kann. Ich habe was ins Leben gerufen, das heute noch Bestand hat und das Menschen hilft. Und zwar in zweierlei Hinsicht; nämlich denen, die anrufen, ihre Probleme schildern und denen dann geholfen werden kann sowie den Leuten, die als Mitglieder bei der Nightline dabei sind und verschiedene Aufgaben übernehmen können. Tja, und die dann auch vielleicht durch ihre Telefonarbeit wachsen können.“
Julia: „Im Nachhinein finde ich es sehr krass, was aus einer Idee entstehen kann und dass man das schaffen kann. Ich hab gelernt, dass man schon dem nachgehen sollte, wo man gerne Herzblut reinsteckt; dass aus nichts etwas werden kann. Das ist für mich mein erstes und einziges Ehrenamt und ich muss sagen, dass mich vorher noch nie etwas so begeistert hat und dass ich mir nie hätte vorstellen können, so viel Energie reinzustecken. Und da ich das immer noch tue, spricht es dafür, dass es mir einfach Spaß macht und ich da auch wirklich mit Herz dabei bin.“

Ich habe eine Frage direkt an euch beide, Jochen und Tobias. Ihr ward zumindest das erste halbe Jahr noch aktive Mitglieder der Nightline, als es endlich losging. Was war euch als Nightlinern am wichtigsten?
Jochen: „Mir war es wichtig, dass die Sache weiterläuft, dass man nicht immer wieder danach gucken muss. Das hat funktioniert, glaube ich. Und die Nightline hat ja auch eine gewisse Mission, sie will Leuten im Konstanzer Nebelleben eine Anlaufstelle bieten. Ja, dass die Nightline auch wirklich wahrgenommen wird und die ganze Sache nicht einfach nur aus Lust an der Laune dasteht und sie niemand nutzt. Dass diese Mission auch wirklich erfüllt wird.“
Tobias: „Ich hatte schon immer diesen Ansporn, dass es richtig gut läuft, also dass die Leute zufrieden sind, die in der Nightline arbeiten, dass sie nach außen einfach vernünftig dasteht, dass die Leute sich am Telefon sicher und sich durch die Schulung gut ausgebildet fühlen. Das ist ja immer wieder die große Herausforderung beim Ehrenamt, dass die Leute sagen können ‚Hey sorry, wenn´s mir nicht passt, gehe ich. Da hab ich keine Lust‘. Ich wollte dieses Baby einfach am Leben halten, darum ging´s mir.“

Und wie war es dann für euch, das Ruder aus der Hand zu geben?
Tobias: „Ich war erstmal erleichtert, vielleicht weil ich dadurch, dass ich der Initiator war, mich immer stark verpflichtet gefühlt habe. Das war etwas, was auch nicht aus meinem Kopf rausgegangen ist, wenn ich nach Hause gegangen bin. Ich war froh, dass ich erstmal Abstand nehmen und mich auf was anderes, auf mich, konzentrieren konnte.“

Was ist die Nightline heute für euch?
Tobias: „Ne gelungene, geile Sache (lacht). Immer noch ein Baby, immer noch irgendwie. Man möchte sie streicheln, wenn man´s könnte (alle lachen).“
Jochen: „Ich schließe mich dem an, möchte aber noch etwas Praktisches, Unromantisches hinzufügen. Die Nightline ist im Nachhinein gesehen auch was echt Nützliches gewesen. Sich sowas in die Vita schreiben zu können, bringt einen an manchen Stellen auch ganz schön weiter, muss ich sagen.
Julia: „Heute ist sie für mich gerade etwas, das ich über den Berg bringen will. Für mich ist derzeit nicht alles ideal, das muss ich sagen. Aber ich möchte mit einem guten Gefühl gehen. Deshalb werde ich so lange bleiben, bis ich dieses gute Gefühl, das ich auch schon hatte, wieder habe.“

Was war für euch ein besonderer Moment als Nightliner?
Tobias: „Die Finanzverhandlung mit Seezeit.“ (alle lachen)
Jochen: „Und auch die an der HTWG. Da ist uns klar geworden, dass wir gar nicht großartig darum kämpfen müssen. Die Leute waren richtig begeistert. Das war für mich so der Moment, wo ich gesehen habe ‚Ok, es läuft‘.“
Tobias: „Und das zweite besondere Erlebnis war für mich der Start der Nightline, als es endlich losging und alles geklärt war. Als die ersten Leute auch darüber berichten konnten, dass jemand angerufen hatte. Man hat da immer darauf gewartet und gefragt ‚Und, hattest du schon den ersten Anruf?‘ und dann war der erste Anruf da und… wow!“

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, ein paar Erinnerungen mit uns zu teilen!

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