Erfahrungsbericht Nr. 3 – Awareness Days 2020

veröffentlicht am 24.07.2020

Ich bin die erste Person in meiner Familie, die das Abitur gemacht und ein Studium begonnen hat. „Arbeiterkind“ oder „Aufsteiger“ wird das manchmal genannt und oft so getan, als wäre das ganz was Tolles. Für mich ist es das nicht, denn das Studium hat mich sehr von meiner restlichen Familie entfremdet. Mein Vater findet „Studierte“ arrogant und gleichzeitig nichtsnutzig. Er ist der Meinung, ich kann nichts und habe noch nie in meinem Leben gearbeitet (ich jobbe wöchentlich 20 Stunden neben meinem Vollzeitstudium, aber ist ja egal…). Er bringt oft Witze, wie „Studieren ist wie arbeitslos, nur sollen die Eltern stolz darauf sein“ oder „wenn man jemandem mit Abitur sagt, dass er was putzen soll, muss man ihm erstmal zeigen, wie man einen Besen hält“. Das war schon immer so. Der Rest meiner Familie äußert sich nicht so abschätzend. Aber es interessiert sie nicht, was ich mache. Meine Mutter kann sich zum Beispiel nicht merken, in welchem Fach ich eigentlich eingeschrieben bin. Bekannten sagt sie immer, die Tochter studiere „irgendetwas in Richtung XY“. Als ich meinen Bachelor gemacht habe, hat keiner nach der Thesis oder der Abschlussnote gefragt.

Mein Opa meinte, wenn ich da einen Akademiker zum Heiraten kennengelernt habe, kann ich wieder aufhören.

Es gab eine Zeit, da hat es sie alle brennend interessiert, wann ich denn ENDLICH damit fertig bin! Damals war ich ungefähr ein Jahr lang an der Uni. Mein Opa meinte, wenn ich da einen Akademiker zum Heiraten kennengelernt habe, kann ich wieder aufhören. Kostet ja nur Geld, dieses Studium.

Bezahlt hat das meiste davon meine Oma – ohne zu meckern. Sie hat das gerne gemacht und sich immer gefreut, wenn ich sie besucht habe. Viel über das Studium haben wir vielleicht nicht gesprochen, aber wenigstens über meine Freundschaften, die WG oder meinen Partner. Letzten Sommer ist sie leider an Krebs gestorben.

Meine Oma war eine sehr starke Frau, die niemandem zur Last fallen, sondern für alle anderen stark sein wollte. Daher teilte sie mir nicht selbst mit, dass es ihr schlechter ging und sie ins Krankenhaus gekommen war, denn ich hatte gerade eine Prüfungsphase… Erst als sie im Sterben lag, meldete sich jemand aus meiner Familie bei mir. Es tut so weh, daran zu denken. Es verletzt mich heute noch, dass sie mich einfach „vergessen“ haben. Als ich meinen Vater damit konfrontierte, reagierte er wütend. Ich sei schuld, denn ich habe mich ja nicht nach ihr erkundigt. Aber ich wusste doch gar nicht, dass ihre Medikamente nicht anschlagen und ihr Zustand kritisch wurde!

Anfangs, als ich weggezogen bin, habe ich meine Eltern ab und zu angerufen. Meine Mutter war jedoch immer genervt und mein Vater warf mir vor, mich nur zu melden, wenn ich etwas brauchen würde. Ich ließ es also mehr und mehr sein. Sie haben mich seit Jahren nicht besucht oder angerufen. Wenn ich sie besuche, zum Beispiel zu Weihnachten, ist das meistens furchtbar für mich. Einmal musste ich feststellen, dass mein Kinderzimmer komplett ausgeräumt war, weil mein Vater es nun beziehen wollte. Ich hatte kein Bett mehr. Dabei hatte ich meinen Besuch zuvor angekündigt. Schnell musste ich mir etwas bei einer Freundin organisieren. Ein anderes Mal waren meine Eltern schlecht gelaunt – ich wusste gar nicht, warum – und sprachen überhaupt nicht mit mir.

Mein Kinderzimmer war komplett ausgeräumt, weil mein Vater es nun beziehen wollte. Ich hatte kein Bett mehr. Dabei hatte ich meinen Besuch zuvor angekündigt.

Meine Oma war anders und für mich die wichtigste Person. Seit sie tot ist, breche ich den Kontakt zum Rest mehr und mehr ab. Mit der Zeit sind die Eltern meines Partners sowie er selbst zu meiner Familie geworden. Sie haben auch nicht studiert, aber sie lieben ihre Kinder wenigstens und unterstützen sie in ihren Entscheidungen. Auch finde ich den Gedanken schön, selbst einmal eine Familie zu gründen und es dann „besser zu machen“.

Dennoch gibt es Tage, an denen ich völlig verzweifelt bin, weil ich mich so ungeliebt und wertlos fühle. Ich bin der Meinung, nichts kann die Liebe der Eltern ersetzen und ich bin auf eine gewisse Art „unvollständig“, weil ich diese Liebe nicht bekommen habe und sie auch nie bekommen werde. Vielleicht konnte ich das inzwischen akzeptieren. Hoffentlich werde ich endlich damit aufhören, um ihre Zuneigung zu kämpfen. Aber verletzen wird es mich mein Leben lang.

Es war wichtig und richtig, zu studieren und dafür umzuziehen. Die Distanz half mir, toxische Beziehungen und Strukturen zu erkennen. Ich bin heute froh darüber, wie ich mich menschlich entwickelt konnte und wie sehr ich meine Freundinnen und Freunde sowie meinen Partner schätzen gelernt habe. Sie alle sind mir eine wunderbare Ersatzfamilie.

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