Erfahrungsbericht zu Erschöpfung & Burnout im Studium – Awareness Days 2020

veröffentlicht am 22.07.2020

Als ich mich im 2. Semester meines Studiums auf die Warteliste für einen Therapieplatz setzen ließ, tat ich das ursprünglich wegen meiner sozialen Angst, die mir vor allem im Alltag mit meinen Mitmenschen und bei Referaten Probleme machte. Als ich im 3. Semester dann endlich einen Therapieplatz bekam, kamen wir jedoch erst mal gar nicht dazu, dieses Problem in Angriff zu nehmen. Je mehr Sitzungen ich hinter mich brachte, desto mehr merkte ich, was in dem Moment mein eigentliches Kernproblem war: Ich hetzte von einem Termin zum nächsten und von meinem ersten Job zum zweiten, hielt nebenbei meine Leistungen auf Top-Niveau, um ein Stipendium zu ergattern und dabei rückten soziale Kontakte und meine Hobbies, die mir einmal so wichtig gewesen waren, immer mehr in den Hintergrund, bis ich sie schließlich völlig vernachlässigte. Schon jetzt war ich fast komplett ausgebrannt und rutschte immer tiefer in eine Depression ab, die auch vor Suizidgedanken nicht Halt machte – etwas, das ich überhaupt nicht von mir kannte. Top-Noten und Geld für meinen Lebensunterhalt zu verdienen waren zu meinen absoluten Prioritäten geworden.

Ich hetzte von einem Termin zum nächsten, vom ersten Job zum zweiten und hielt meine Leistungen auf Top-Niveau. Soziale Kontakte und meine Hobbies vernachlässigte ich schließlich völlig. Ich war ausgebrannt und rutschte immer tiefer in eine Depression, die auch vor Suizidgedanken nicht Halt machte.

Ich gehöre zu der Art Mensch, die alles perfekt machen wollen und sich darin verlieren. Die sich mehr über ihre Leistungen definieren, als sie eigentlich sollten, weil das – seien wir mal ehrlich – in zehn Jahren sowieso niemanden mehr interessiert. Manchmal verliere ich das wirklich Wichtige aus den Augen: Dass ich mein Studium angefangen habe, weil ich für diese Themen brenne und Spaß daran habe. Und dass das wirklich Wichtige ist, dass ich glücklich bin und meine psychische Gesundheit wichtiger ist als irgendwelche Noten.

Das wirklich Wichtige ist, dass ich glücklich bin. Meine psychische Gesundheit ist wichtiger als irgendwelche Noten.

Das alles sagt sich so einfach, als wäre es komplett offensichtlich. Aber dass man sich immer mehr und immer schneller im Hamsterrad dreht, passiert nicht von jetzt auf gleich – es ist ein schleichender Prozess. Für Außenstehende wie meine Eltern und meine Freunde war die Situation glasklar. Nur ich habe quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Heute weiß ich, dass ich kurz vor’m Burnout stand – zum zweiten Mal in meinem Leben, und das vor meinem 30. Lebensjahr.

Mit der Hilfe meiner Therapeutin habe ich zum Glück noch einmal die Kurve gekratzt. In den letzten Semesterferien habe ich mir bewusst eine Pause gegönnt und mir absolut gar nichts vorgenommen. Corona ging los und ich bin auf den Online-Kurs „The Science of Happiness“ von der Yale University gestoßen. In diesem habe ich viel gelernt darüber, was uns Menschen wirklich glücklich macht (und was nicht!). Ich habe reflektiert, was mir wirklich wichtig ist und was mir guttut. Und wie ich meinen Alltag so gestalten kann, dass ich nicht nur auf die nächste Atempause hinarbeite, sondern das Hier und Jetzt mehr genießen kann. Ich habe beschlossen, deutlich weniger für die Uni zu machen und zu schauen, was passiert, quasi so als kleines Experiment (Spoiler: die Welt ist nicht untergegangen und ich kann mit den Ergebnissen sehr gut leben).

Ich habe mittlerweile viele Wege gefunden, mir zum Stress im Studium einen Ausgleich zu schaffen. Neben den typischen (aber doch wichtigen!) Tipps wie genug Schlaf und halbwegs gesunde Ernährung helfen mir zum Beispiel tägliche Meditationen – für eine kurze ist immer Zeit. Und ich war zwar mein Leben lang ein Sportmuffel, muss aber zugeben, dass Sport mich ziemlich aus meinem Loch rausgeholt hat. Wenn ich nach einem stressigen Tag eine Runde schwitze oder Gewichte hebe, habe ich danach direkt wieder gute Laune und fühle mich stark, meinen Herausforderungen gegenüberzutreten. Ich bin sogar ein bisschen süchtig danach geworden! Um den Kopf freizukriegen hilft es mir außerdem, so oft es geht Zeit in der Natur zu verbringen – sei es auch nur ein kurzer Spaziergang am Bodenseeufer entlang. Und wenn er wieder offen hat, will ich mehr Zeit mit meinen Kommilitonen im Uni-Biergarten genießen.

Ich war mein Leben lang ein Sportmuffel, aber Sport hat mich ziemlich aus meinem Loch rausgeholt. Ich bin sogar ein bisschen süchtig geworden! […] Ich wünsche mir, ich hätte früher auf meine Freunde und Verwandten gehört – sie sehen oft, was mit uns los ist, bevor wir es selbst tun.

Es ist nach wie vor nicht einfach, gegen meinen inneren Antreiber anzukämpfen und ihn beiseitezuschieben, aber es wird leichter. Heute wünsche ich mir, ich hätte früher auf meine Freunde und Verwandten gehört (sie sehen oft, was mit uns los ist, bevor wir es selbst tun). Und dass ich öfter in mich hineingehorcht hätte, was ich gerade brauche. Aber ich bin dankbar, dass ich die Reißleine noch rechtzeitig gezogen habe, die Warnzeichen jetzt kenne und deshalb in Zukunft meine Bedürfnisse mehr achten werde.

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