Weil wir alle hin und wieder mit unserem eigenen Kopf kämpfen – Interview mit Marcel Bischofberger

veröffentlicht am 17.05.2019

Heute möchten wir euch Marcel vorstellen. Er ist 29 Jahre alt und hat an der TU München BWL studiert. Im Jahr 2013 wurde bei ihm eine Depression diagnostiziert. Zuerst kämpfte er gegen die Krankheit, jetzt kämpft er für die Betroffenen von psychischen Erkrankungen. Für uns hat er ein paar Fragen beantwortet und von seinen Erfahrungen, seinen Projekten und seinen Zielen berichtet.

Warum liegt dir das Thema psychische Gesundheit so am Herzen?

Klar spielt meine eigene Betroffenheit eine große Rolle dabei. Dadurch habe ich viel erlebt, gesehen und erfahren. Aber für mich ist es auch dabei ganz wichtig, das Positive zu betonen. Ich habe erlebt, wie viel ein einziges Gespräch, ein offenes Ohr oder schon eine kleine Umarmung bewirken können. Das mag jetzt sehr vereinfachend klingen aber mir ist es wichtig, genau das zu betonen. Wir sollten öfters für einander da sein, uns zuhören, wertschätzen, miteinander reden. Ich weiß, dass mir das auch nicht immer gelingt, natürlich nicht. Doch ich weiß auch, was all das bewirken kann und dafür setze ich mich ein. Für eine Gesellschaft der Wertschätzung, der Offenheit. Eine Gesellschaft ohne Stigmata, Vorurteilen und Ängsten gegenüber psychischen Erkrankungen.

Ihr habt gerade ein neues Projekt in den Startlöchern stehen, „Berg und Mental“. Wie kamt ihr zu der Idee? Was möchtet ihr damit erreichen?

Wir haben letztes Jahr im Rahmen der #TUM4MIND Mental Health Aktionstage an der TUM ein Begegnungscafé namens #Coffe2Talk organsiert. Die Idee war ganz simpel: Bei einer guten Tasse Kaffee die Möglichkeit bekommen, ganz ungezwungen mit Expertinnen und Experten über all das zu sprechen, was einem auf dem Herzen liegt. Nachdem wir so viel positive Resonanz für dieses Café bekommen haben und gleichzeitig den Blick Richtung USA gerichtet haben, wo es ein Mental Health Café namens „Sip of Hope“ bereits gibt, war uns klar: So etwas braucht es hier auch! Lasst uns das mal angehen! Wir haben uns dann mit der Idee für den Deutschen Integrationspreis beworben und sind jetzt gerade mitten in unserer Crowdfunding Kampagne zusammen mit dem Deutschen Integrationspreis und startnext.

Das Ziel unserer „Mental Health Hütte“ wie wir sie nennen ist folgende: Wir finden Stigma doof! Wir finden es absurd bis schlimm, dass wir einfach nicht über psychische Gesundheit reden – obwohl wir alle hin und wieder mit unserem eigenen Kopf kämpfen. Das wollen wir mit BERG & MENTAL ändern. Wir wollen dem Thema einen festen Raum geben, eine tolle Atmosphäre und ihm eine schöne Tasse Kaffee vor die Nase setzen. Mit unseren Produkten, Events, Seminaren & Workshops informieren wir, klären auf, vermitteln Wissen, bringen Menschen zusammen – und unterhalten.

Hast du bereits Erfahrung mit anderen Projekten?

Ja, ich habe letztes Jahr zusammen mit der TUM: Junge Akademie der Technischen Universität München (TUM) eine Podiumsdiskussion zum Thema „Stress und Depression im Studium“ organsiert und durfte das erste Mal in der Öffentlichkeit über meine Erkrankung sprechen. Das Schicksal wollte es so, dass an dem Abend auch Dominique de Marné und Lasse Münstermann im Publikum saßen. Dominique kam danach auf mich zu und wir waren uns ziemlich schnell einig, dass wir was für Studierende machen wollen. Daraus ist dann wiederum die #TUM4MIND, die ersten Mental Health Aktionstage an der TUM entstanden. Danach war eigentlich klar, dass wir gemeinsam die nächsten Schritte gehen wollen. Das war dann wiederum der Startschuss für „BERG & MENTAL“, unser Mental Health Café

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Erst einmal finde ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Natürlich müssten wir heute nicht über das Thema sprechen, wenn schon alles perfekt wäre aber ich empfinde schon, dass wir in kleinen Schritten in die richtige Richtung gehen. Wenn ich jetzt dennoch ein paar Wünsche frei hätte, dann würde ich mir ein Schulfach „Seelische Gesundheit“ wünschen, würde mir wünschen, dass wir auch die älteren Menschen mehr dabei unterstützen auch im hohen Alter mental gesund zu bleiben. Ich würde mir wünschen, dass sich Lehramtstudierende keine Sorgen mehr über eine Verbeamtung machen müssen, nur weil sie sich Unterstützung bei einem Therapeuten suchen. Ich würde mir wünschen, dass wir endlich ausreichend Therapieplätze haben. Und zu guter Letzt würde ich mir wünschen, dass sich niemand mehr in diesem Land, in unserer Gesellschaft verstecken muss, nur weil er oder sie an einer psychische Erkrankung leidet.

Gibt es noch etwas, das du Menschen mit psychischen Erkrankungen gerne mit auf den Weg geben würdest?

Bitte gebt niemals auf! Ich kenn die Tage und Nächte, von denen man glaubt es wären die letzten, weil einem einfach die Kraft auszugehen scheint. Aber wir müssen kämpfen. Es lohnt sich so ungemein! Und wenn euch irgendjemand einreden will, dass ihr schwach oder nutzlos oder sonst was wärt, dann hört nicht darauf. Ihr seid stark, viel stärker als ihr euch wahrscheinlich vorstellen könnt. Und sich Hilfe oder Unterstützung zu suchen ist genauso wenig schwach. Das ist wahre Stärke.

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